Hitze – was tun?

Dieser Artikel enthält keine politische Meinung. Er enthält Informationen, die Leben retten können.


Erste Anzeichen: Wann beginnt der Körper zu überhitzen?

An dir selbst

Der Körper gibt früh Signale – aber sie sind leise und werden leicht übersehen oder falsch interpretiert.

Frühe Warnzeichen (noch Spielraum vorhanden):

Das wichtigste Paradox: Schwitzen ist ein gutes Zeichen – der Körper reguliert noch. Wenn du bei anhaltender Hitze aufhörst zu schwitzen, ist das der kritische Moment. Nicht das Schwitzen ist das Problem. Das Ausbleiben des Schwitzens ist der Alarm.

Faustregel: Zwei oder mehr dieser Zeichen bedeuten: jetzt handeln, nicht abwarten.


Bei anderen

Bei Kindern und älteren Menschen sind die Zeichen oft subtiler – und sie melden sich häufig nicht selbst:

Schau aktiv hin. Geh aktiv hin.


Erste Massnahmen: Bevor es zum Notfall wird

  1. Sofort in den Schatten oder in einen kühlen Raum – Klimaanlage, Keller, Bibliothek, Einkaufszentrum
  2. Trinken: Wasser oder verdünnter Fruchtsaft – kein Alkohol, kein Koffein
  3. Kühlen: Nacken, Handgelenke und Achseln mit kühlem (nicht eiskaltem) Wasser benetzen
  4. Kleidung lockern: Hals und Brustkorb frei
  5. Körperliche Anstrengung sofort stoppen – auch «nur kurz etwas holen» bei 40°C belastet
  6. Duschen: Lauwarm beginnen, schrittweise kühler – nicht kalt. Kaltes Wasser verengt die Hautgefässe (Vasokonstriktion) und verhindert den Wärmeabtransport vom Körperkern nach aussen. Danach nicht trocken frottieren: der Wasserfilm auf der Haut kühlt durch Verdunstung weiter.

Für andere: Frag nach. Kümmere dich. Menschen ohne Zugang zu kühlen Räumen – Ältere, Obdachlose, Arbeitende im Freien – können nicht immer selbst handeln.


Sofortmassnahmen bei kritischer Überhitzung (Hitzschlag)

Erkennungszeichen eines Hitzschlags

Verwirrtheit und Aggressivität bei Hitze sind neurologische Zeichen, kein Verhaltensproblem.

Was jetzt zu tun ist

  1. Sofort 112 (EU) / 144 (CH) anrufen
  2. Person in kühlen Schatten bringen, flach hinlegen, Beine leicht erhöhen
  3. Kühlung einleiten: nasse Tücher auf Nacken, Achseln und Leiste – kein Eiswasser (Schockgefahr durch Vasokonstriktion)
  4. Wenn bei Bewusstsein: kleine Schlucke Wasser geben
  5. Nicht allein lassen bis Rettung eintrifft

Beim Hitzschlag zählen Minuten. Ab ~42°C Kerntemperatur beginnt irreversibler Schaden an Organen und Gehirn.


Warum Hitze ab 42°C tödlich ist: die Physik dahinter

Der Körper als Thermostat

Der Hypothalamus hält die Kerntemperatur präzise bei ~37°C. Er steuert drei Kühlmechanismen:

Dieses System ist bemerkenswert präzise – aber es hat Grenzen.

Proteindenaturierung: warum 42°C tödlich sind

Proteine bestehen aus Aminosäureketten, die in einer spezifischen dreidimensionalen Form gefaltet sind. Schwache Bindungen – Wasserstoffbrücken, ionische Wechselwirkungen, Van-der-Waals-Kräfte – halten diese Form.

Ab ~42°C brechen diese Bindungen. Die Ketten entfalten sich, verlieren ihre Struktur und damit ihre Funktion. Das nennt man Denaturierung.

Die Folgen sind unmittelbar:

Besonders kritisch: Gehirnzellen sind kaum regenerierbar. Der Prozess ist ab einem gewissen Punkt irreversibel. Ohne sofortige Kühlung führt das innerhalb von Minuten zu Organversagen.

Die Feuchtkugeltemperatur: die unterschätzte Grenze

Schwitzen kühlt durch Verdunstung – aber nur wenn die Luft noch Feuchtigkeit aufnehmen kann. Die Feuchtkugeltemperatur (Wet Bulb Temperature, WBT) kombiniert Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit zu einer einzigen Zahl:

WBT Wirkung
28°C Risikogruppen (Ältere, Kranke, Kinder) in akuter Gefahr
30–31°C Auch gesunde Erwachsene können sich nicht mehr selbst kühlen
35°C Absolute Überlebensgrenze – selbst in Ruhe innerhalb von Stunden tödlich

Konkretes Beispiel: Bei 40°C Lufttemperatur und 75% Luftfeuchtigkeit liegt die WBT bei ~33–34°C – bereits im kritischen Bereich.

Die Hitzewellen in Europa (Südfrankreich, Po-Ebene, Balkan) erreichen zunehmend WBT-Werte von 30–33°C.

Sauna als partielle Vorbereitung?

Regelmässige Saunagänge regen die Produktion von Hitzeschockproteinen (HSP70, HSP90) an. Diese schützen andere Proteine vor Denaturierung. Der Effekt: eine temporäre Erhöhung der zellulären Hitzetoleranz um 1–2°C, die Stunden bis wenige Tage anhält.

Das ist kein Schutz in extremen Hitzelagen – aber der Körper reagiert robuster. Regelmässige Saunagänge (4×/Woche über mehrere Wochen) machen einen messbaren Unterschied.


Was bisherige Hitzewellen angerichtet haben

Die Sterblichkeit durch Hitze wird systematisch unterschätzt. Sie wird erst Wochen später durch Übersterblichkeitsstatistiken sichtbar – wenn der mediale Fokus längst woanders ist.

2003, Frankreich und Europa:
Bis zu 40,4°C in Paris, WBT in einigen Regionen bei 28–30°C. Ca. 70.000 Tote in Europa, davon ~15.000 in Frankreich innerhalb weniger Wochen.

2022, West- und Südeuropa:
Temperaturen bis 47°C in Portugal, 40°C in London. Über 60.000 Tote in Europa (WHO-Schätzung). WBT in Küstenregionen bis 32°C.

2023, Po-Ebene (Italien):
WBT-Werte von 31–33°C (Reisanbaugebiete). Massensterben besonders unter älteren Menschen.

2024/2025, Balkan:
Serbien, Kroatien, Bosnien: WBT von 29–31°C bei 38–40°C und 70–80% Luftfeuchtigkeit in Flussnähe.

Prognose:


Das Wichtigste in einem Satz

Wenn du – oder jemand neben dir – bei anhaltender Hitze aufhört zu schwitzen: das ist der Moment, in dem sofortige Hilfe nötig ist.


Quellen: LeChat/Mistral (physiologische Grundlagen), Sherwood & Huber 2010 (WBT-Grenzwerte), WHO Hitzewellenberichte 2003/2022, Europäische Umweltagentur (EEA)

Erstpublikation: reparix.ch, Juni 2026