Was ist resiliente Bodenfruchtbarkeit?

Ein Diskussionsbeitrag für den Bio-Anbau

1. Der "Nährstofftank" und seine Grenzen

Bodenfruchtbarkeit wird heute primär über Verfügbarkeit gemessen: Wieviel Phosphor, Stickstoff, Kalium enthält der Boden in pflanzenverfügbarer Form? Eine Bodenanalyse liefert Zahlen, die Zahlen definieren den Düngerbedarf, der Dünger füllt den Tank. Dieses Modell ist praktisch, messbar - aber fundamental unvollständig.
Was dieses Modell ausblendet, beginnt auf molekularer Ebene. Pflanzen sind keine passiven Nährstoffkonsumenten. Sie verhalten sich strategisch, abhängig davon, was im Boden verfügbar ist. Je nachdem, wie der Boden beschaffen ist, wenden die gleichen Pflanzen verschiedene Strategien an - und das ist interessant:
Bei Phosphorüberschuss - also nach Gülle- oder Kompostgabe - reduziert die Pflanze aktiv die Ausschüttung von Strigolacton, einem Signalmolekül das Mykorrhizapilze anzieht und aktiviert. Die Botschaft an den Boden: Ich habe keine Partnerschaft nötig, ich versorge mich selbst. Das Pilznetz wird im Gegenzug nicht mehr mit Zucker ernährt. Es degeneriert.
Bei Phosphormangel dreht sich das Verhalten um. Die Pflanze investiert bis zu 20% ihres photosynthetisch fixierten Kohlenstoffs in Wurzelexsudate um Pilzpartner anzulocken und zu ernähren. Sie baut aktiv ein Netz auf, das ihr Zugang zu Phosphorquellen verschafft, die sie selbst nicht erreichen kann. Das ist kein Notfallmechanismus - es ist die evolutionär ältere und stabilere Strategie. Wie das im Detail funktioniert, erkläre ich im nächsten Kapitel
Der Nährstofftank ist also nicht nur eine unvollständige Metapher. Er beeinflusst aktiv das System, indem er die Entwicklung von echter Langzeitfruchtbarkeit verhindert.

2. Die unsichtbare Infrastruktur: AM und EcM

Unter jedem funktionierenden Boden existieren zwei fundamental verschiedene Pilznetzwerke, die zusammen mehr pflanzenverfügbare Biomasse erschliessen als alle oberirdisch sichtbare Agrarbiologie.
Arbuskuläre Mykorrhiza (AM) ist 450 Millionen Jahre alt - so alt wie die ersten Landpflanzen. AM-Pilze dringen in Pflanzenzellen ein, stülpen die Zellmembran nach innen und bilden dort hochverzweigte Arbuskel: mikroskopisch kleine Tauschbörsen, an denen Phosphor und Wasser gegen Zucker getauscht werden. Die Pilzhyphen sind 10 bis 50 Mal feiner als Wurzelhaare und erschliessen Bodenporen und Mineralfraktionen die Wurzeln schlicht nicht erreichen. Rund 80% aller Pflanzenarten gehen diese Symbiose ein - darunter praktisch alle Kulturpflanzen. Pflanzen bekommen also durch die AM sowohl Wasser (was in Trockenperioden wichtig für das Überleben ist) als auch Phosphor, nur wenn sie selbst aktiv diese AM ernährt.
Ektomykorrhiza (EcM) funktioniert anders: die Pilze dringen nicht in Zellen ein, sondern umhüllen die Wurzel mit einem dichten Mantel und wachsen zwischen die Zellen - das sogenannte Hartig'sche Netz. EcM-Pilze können Enzyme produzieren die organisches Material direkt aufschliessen: Stickstoff aus Humus, aus Proteinen, ohne den Umweg über Mineralisierung. Ihre Wirte - Buche, Eiche, Fichte, Kiefer - dominieren die temperaten Wälder der Nordhalbkugel. EcM-Netzwerke brauchen Jahrzehnte zum Aufbau. Sie schaffen saure, humusreiche Böden mit langsamen, stabilen Nährstoffkreisläufen. Das ist der Zustand der mitteleuropäischen Böden vor der Kultivierung durch Menschen.
Beide Systeme haben eine entscheidende Eigenschaft gemeinsam: Sie entstehen nicht automatisch. Sie brauchen Wirte, Kontinuität und den Anreiz der Pflanze zur Investition. Und beide werden durch dieselbe Intervention zerstört: hohe Verfügbarkeit löslicher Nährstoffe nimmt dem System den ökonomischen Grund.
AM wird zusätzlich durch Bodenbearbeitung mechanisch zerschnitten - die Hyphen brauchen aber Kontinuität.
EcM hingegen stirbt, wenn der Wirtsbaum fällt, und baut sich nicht schnell wieder auf.

3. Das Ideal: Ein Boden der aus sich heraus fruchtbar ist

Wie sieht ein Boden aus, der die nächsten 20 Generationen fruchtbar bleibt, ohne auf externen Input angewiesen zu sein?
Der Phosphorkreislauf ist dabei zentral. Phosphor ist eine endliche Ressource - Phosphatgestein, aus dem Mineraldünger gewonnen wird, wird in absehbaren Jahrhunderten knapp. Ein resilienter Boden schliesst den P-Kreislauf: Phosphor der über Ernte abgeführt wird, kehrt über pflanzliche Residuen zurück. Er wird von Bodenorganismen - primär Regenwürmern - in organisch gebundene Fraktionen überführt. Er sitzt im Humus, in schwerlöslichen Mineralverbindungen, in der Biomasse des Pilznetzes selbst. Auswaschungsverluste sind minimal, weil der Phosphor nicht als sofort lösliches Phosphat vorliegt.
AM-Pilze sind der Schlüssel zu diesem gebundenen P. Sie produzieren Phosphatasen und organische Säuren die Mineralphosphor lösen, und sie erschliessen organisch gebundenes P aus Fraktionen die Pflanzenwurzeln direkt nicht zugänglich sind. Ein AM-reiches Netz ist de facto ein Phosphorerschliessungssystem das die Pflanze mit eigener Energie betreibt.
Regenwürmer schliessen diesen Kreislauf. Sie verarbeiten organisches Material zu Humus - aber nicht zu sofort löslichem Phosphat. Regenwurmkot enthält P in Formen die AM-kompatibel bleiben: langsam verfügbar, im System gehalten, nicht auswaschbar. Ein Boden mit intaktem Regenwurm-AM-System ist kein Nährstofftank - er ist ein Nährstoffnetzwerk.
Dazu einige interessante Beobachtungen:
Auf https://www.spun.earth/underground-atlas/mycorrhizal-biodiversity sehen wir, in welchen Regionen ein aktives AM-Netz vorhanden ist. Dabei ist auffällig, dass alte Kulturlandschaften rund um das Mittelmeer oder auch Nordindien und die chinesischen Ebenen hell hervorleuchten. Was der Grund dafür sein könnte, beleuchte ich in den nächsten Kapiteln.
Der Unterschied zwischen einem Nährstofftank und resilient fruchtbaren Boden ist also nicht semantisch. Ein Tank entleert sich wenn man aufhört zu füllen. Ein Netzwerk ist selbsttragend, solange man es nicht zerstört.

4. Was Gülle und Viehhaltung mit Böden machen

Gülle enthält Phosphor hauptsächlich als sofort lösliches Orthophosphat. Die Pflanze nimmt es direkt auf. Sie reduziert ihre Strigolactonausschüttung. Das AM-Netz erhält keinen Zucker mehr. Es degeneriert.
Das ist nicht ein einmaliger Effekt - es ist ein Kreislauf der sich verstärkt. Je mehr Gülle, desto weniger AM. Je weniger AM, desto mehr ist die Pflanze auf direkt verfügbaren P angewiesen. Desto mehr Gülle wird "gebraucht". Der Boden wird input-abhängig - nicht weil er erschöpft wäre, sondern weil das System das ihn selbsttragend machen würde, nicht mehr funktioniert.
Jahrzehnte dieser Bewirtschaftung akkumulieren zudem Legacy-Phosphor: Phosphor der nicht aufgenommen wird, sich an Bodenpartikel bindet und einen grossen Puffer aufbaut. Dieser Puffer verhindert kurzfristige Mängel - er täuscht Fruchtbarkeit vor. Langfristig, auf dem Horizont von Generationen, ist er kein Kapital. Er ist ein Indikator dafür, wie weit das lebende Fruchtbarkeitssystem bereits deaktiviert wurde.
Hohe Viehdichte verschärft diesen Effekt strukturell. Nicht wegen der Tiere selbst - sondern wegen der Güllemenge, der Bodenverdichtung durch Beweidung, und der Vereinfachung der Pflanzengemeinschaft die intensive Grünlandwirtschaft mit sich bringt. AM-Diversität braucht Pflanzendiversität - eine artenarme Loliumwiese trägt ein artenarmes, fragiles Pilznetz.

5. Biolandwirtschaft: Inputsubstitution statt Systemaufbau

Hier ist die unbequeme Frage, die wir uns als Biolandwirtschaft stellen müssen.
Das Fundament der heutigen Bio-Praxis ist Inputsubstitution: Mineralischer Dünger wird ersetzt durch Gülle, Kompost, Gründüngung. Das ist besser - weniger Schadstoffe, mehr organische Substanz, geschlossenere Kreisläufe. Aber es folgt derselben Logik: Fruchtbarkeit als Füllstand des Tanks.
Was unsere Zertifizierung misst: Inputqualität, Schadstofffreiheit, Tierhaltungsstandards. Was sie nicht misst: AM-Netzwerkdichte, Pilzartenvielfalt, biologische Aktivität als Fruchtbarkeitsindikator.
Das Ergebnis ist auf der Weltkarte sichtbar. Das Projekt SPUN - Society for the Protection of Underground Networks - hat 2025 in der Zeitschrift Nature die erste globale Karte mykorrhizaler Biodiversität veröffentlicht, basierend auf 2.8 Milliarden Pilz-DNA-Sequenzen aus 130 Ländern. Das Bild für die Schweiz ist eindeutig: Intakte Wälder zeigen EcM-Netzwerke. Landwirtschaftliche Flächen - Ackerflächen ebenso wie Grünland - zeigen praktisch keine AM-Aktivität.
Mediterrane Böden die seit 3000 Jahren extensiv bewirtschaftet werden, leuchten auf dieser Karte als AM-Hotspots. Eine naheliegende Erklärung ist, dass dort traditionell vielfältige kleinräumige Mischkulturen angebaut wurden, wenig Tierhaltung und somit auch wenig tierische Dünger - dadurch ist das AM-Netz erhalten geblieben und die Böden sind immer noch fruchtbar.
Intensive Grünlandflächen im Schweizer Mittelland leuchten nicht, obwohl sie seit Jahrhunderten eher "Bio-nah" bewirtschaftet werden.
Das ist kein Argument gegen Biolandwirtschaft. Es ist ein Argument dafür, dass wir unsere Definition von Fruchtbarkeit überdenken müssen - bevor wir den nächsten 10 bis 20 Generationen Böden hinterlassen, die auf externen Input angewiesen sind.
"Mist ist Mist" - dieser Satz eines erfahrenen Bauern war keine romantische Ablehnung tierischer Düngung. Er war eine systemische Diagnose, für die wir jetzt die wissenschaftliche Grundlage haben.

6. Eine Diskussion, die wir führen sollten

Was ist unser Ziel in Bezug auf Bodenfruchtbarkeit?
Wenn das Ziel ist, die nächste Ernte zu sichern, dann ist Güllewirtschaft eine valide Strategie. Wenn das Ziel ist, Böden zu hinterlassen die ohne externen Input fruchtbar sind - biologisch lebendig, phosphoreffizient, klimaresilient - dann müssen wir andere Indikatoren einführen und andere Praktiken fördern.
Konkret schlage ich vor, folgende Fragen zu diskutieren:
Soll der Bio-Anbau AM-Netzwerkdichte und Pilzartenvielfalt als Kernindikatoren für Bodenfruchtbarkeit einführen - nicht als Zusatz, sondern als definierendes Kriterium für was "biologisch fruchtbar" bedeutet?
Wie gehen wir mit dem Zielkonflikt zwischen Tierhaltung, Güllewirtschaft und Bodenbiologie um - nicht moralisierend, sondern systemisch?
Was wäre ein realistischer Übergangsweg für Betriebe die heute "güllezentriert" wirtschaften - und welche Beratungs- und Forschungsinfrastruktur brauchen sie dafür?
Wir diskutieren unsere Strategie, wir definieren die Richtlinien neu.
Es wäre schade, wenn wir uns darauf festlegen, das Ziel des Bioanbaus sei, den nächsten Generationen einen gut gefüllten Tank zu hinterlassen, anstatt ein resilientes Netzwerk.

Dieser Beitrag basiert auf publizierten wissenschaftlichen Daten, insbesondere der SPUN-Studie (Nature, Juli 2025) siehe auch https://www.spun.earth/ sowie etablierter Forschung zur Mykorrhiza-Physiologie und Phosphordynamik in landwirtschaftlichen Böden.

Lesehinweis

https://de.wikipedia.org/wiki/Mykorrhiza

Quellen

  1. SPUN-Karte (bereits im Text)

Golan, J. et al. (2025): Global mycorrhizal biodiversity hotspots are poorly protected. Nature.
https://www.spun.earth/underground-atlas

  1. AM-Evolution, 80%-Figur, Kohlenstoffallokation

van der Heijden, M.G.A. et al. (2015): Mycorrhizal ecology and evolution: the past, the present, and the future. New Phytologist 205(4): 1406-1423.
https://nph.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/nph.13288

Kernaussagen: 450 Millionen Jahre AM-Fossilien; bis zu 80% des pflanzlichen P über Mykorrhiza; ca. 20% der Assimilate fliessen in Pilzsymbiose.

  1. Strigolacton-Phosphor-Mechanismus

Yoneyama, K. et al. (2013): Nitrogen and phosphorus fertilization negatively affects strigolactone production and exudation in sorghum. Planta 238: 885-894.
https://link.springer.com/article/10.1007/s00425-013-1943-8

  1. P-Aufnahme über AM, Unterdrückung bei hohem P

Smith, S.E. & Smith, F.A. (2011): Roles of arbuscular mycorrhizas in plant nutrition and growth. Annual Review of Plant Biology 62: 227-250.
https://doi.org/10.1146/annurev-arplant-042110-103846

  1. Legacy-Phosphor Schweiz

Arb, Cäcilia; Stoll, Sebastian; Frossard, Emmanuel; Stamm, Christian; Prasuhn, Volker (2021): The time it takes to reduce soil legacy phosphorus to a tolerable level for surface waters: What we learn from a case study in the catchment of Lake Baldegg,
Switzerland. Geoderma 403
https://doi.org/https://doi.org/10.3929/ethz-b-000489582